Andacht zum Osterfest 2022
Micha 4,1-5
„In den letzten Tagen aber wird der Berg, darauf des Herrn Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Täler erhaben.
Und die Völker werden herlaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des Herren gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir auf seinen Pfaden wandeln!
Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des Herrn Wort von Jerusalem.
Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen.
Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln.
Es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Ein jeder wird unter seinem Weinstock und Feigenbaum wohnen, und niemand wird sie schrecken. Denn der Mund des Herrn Zebaoth hat’s geredet.
Ein jedes Volk wandelt im Namen seines Gottes, aber wir wandeln im Namen des Herrn, unseres Gottes, immer und ewiglich!“
Worte des Propheten Micha. Seine Vision vom kommenden Friedensreich Gottes: Schwerter werden zu Pflugscharen, Menschen lernen nicht mehr Krieg zu führen, ein jeder kann in Frieden wohnen.
Es könnte ein so schöner, hoffnungsvoller Ostertext sein, aber die Zeiten sind nicht nach Hoffnung und uns ist wenig österlich zumute, im Angesicht eines schrecklichen Krieges in Europa.
Dieses Ostern fühlt sich für mich an, wie ein nicht enden wollender Karfreitag. „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan“, sagt Jesus. Und so wird Jesus Tag für Tag in Mariupol und vielerorts in der Ukraine erneut gekreuzigt.
Im Kirchenjahr geht dem Karfreitag die Passionszeit, die Leidenszeit Jesu, voran. In der Passionszeit bedenken Christen im Angesicht des Leidens Jesu, das Leiden der Menschen in der Welt. Nie zuvor erlebte ich ein solches Zusammenrücken von Kirchenjahr und Realität, wie in den vergangenen Tagen. Wie einst Jesus, wurden Menschen geschunden und gefoltert, gequält und getötet, wurden die Opfer von einer verlogenen Kriegspropaganda auch noch verhöhnt. Die Ukraine erlebt einen grausamen Karfreitag.
Wo ist die österliche Hoffnung? Was bleibt von der Vision des Propheten Micha? War zu Michas Lebenszeit die Welt eine so viel bessere, dass er so träumen konnte? War vor 2000 Jahren in Jerusalem die Welt eine heilere, als Jesu Jünger nach dessen Kreuzigung die frohe Botschaft der Auferstehung verkündeten, die Grundlage unseres Osterfestes ist?
Man würde weder Michas Vision noch dem Osterereignis gerecht werden, wollte man sie unter dem Motto „Friede, Freude, Ostereier“ als Beitrag zur seelischen Erbauung missverstehen. Micha war ein Provokateur und ebenso ist Ostern eine unerhörte Provokation. Wie sehr, können wir vielleicht erst gerade jetzt, im Angesicht des Krieges, ermessen.
Zu Michas Zeiten, galt Krieg zu führen als legitimes Mittel zur Durchsetzung seiner Interessen. Religiöse Kulte dienten dazu, den Krieg zu rechtfertigen und den Sieg über Gegner durch Opfergaben zu erzwingen. Und es galt: Wer den Krieg gewinnt, hat die Götter auf seiner Seite oder zumindest den stärkeren Gott. Dass Micha nun formuliert: Unser Gott ist ein Gott des Friedens, er will nicht, dass unser Volk im Krieg gewinnt, sondern, dass alle Völker in Frieden leben, war revolutionär. Eine Provokation inmitten einer durch und durch kriegerischen, archaischen Welt.
Was ist aus dieser Provokation geworden? Im Angesicht des barbarisch geführten Angriffskrieges gegen die Ukraine möchte man zunächst meinen, sie sei gescheitert. Aber ganz so stimmt es nicht, denn seine Beurteilung, was Gottes Wille ist, was gut und gerecht und was böse und unrecht ist, hat sich durchgesetzt und nicht zuletzt unser modernes Völkerrecht mitgeschaffen. Es ist kein Zufall, dass vor dem UN-Hauptsitz in New York eine Skulptur steht, die Michas Vision Ausdruck gibt: Ein Mann schmiedet ein Schwert zur Pflugschar um!
Wenn wir heute den Angriffskrieg gegen die Ukraine als Verbrechen betrachten, wenn wir die Kriegsführung der russischen Armee als barbarisch verachten, dann ist das der Tatsache geschuldet, dass wir uns die Vision des Propheten zu eigen gemacht haben.
Ja: „Es soll kein Volk wider das andere das Schwert erheben.“ Ja, Amen!
Ja: „Die Völker sollen hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. “ Ja, Amen!
Ja: „Ein jeder soll in Frieden wohnen, und niemand soll sie schrecken.“ Ja, Amen!
Und auch diese Hoffnung teilen wir: „Er wird unter vielen Völkern richten und mächtige Nationen zurechtweisen in fernen Landen.“ Ja, Amen!
Dass sich Wladimir Putin, so wie viele Despoten in der Welt auch, die Vision des Micha nicht zu eigen gemacht hat, ist offensichtlich. Aber ein zurück hinter diese Vision wird es in der zivilisierten Welt nicht mehr geben können. Die Entscheidung was Gut und was Böse, was Recht und was Unrecht ist, hat Micha, um Gottes Willen, für immer geklärt.
Was aber nützt es, an das Recht zu glauben, wenn das Unrecht regiert, was nützt es auf das Gute zu hoffen, wenn das Böse triumphiert?
Noch größer als die Provokation, die in Michas Vision lag, ist die Provokation, die in der Antwort des Osterfestes auf diese Frage liegt.
„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“, fragt Paulus im ersten Brief an die Korinther. Mit Karfreitag ist alles aus, glaubten die, die Jesus kreuzigten. Mit Ostern hat alles begonnen, bezeugten die Jünger und Jüngerinnen Jesu und lernten mit Paulus angstfrei zu leben. Die österliche Ansage an das Unrecht und das Böse ist: Ihr werdet nicht siegen. Das war der feste Glaube der ersten Christen und ist bis heute Fundament unseres Glaubens.
Uns schreckt das Böse, uns erschüttert das offenkundige Unrecht. Aber wir glauben nicht an das Böse, wir resignieren nicht vor dem Unrecht. Und wir lernen, österliche Hoffnungszeichen zu erkennen, sind sie auch noch so klein.
In den ersten Tagen des Krieges gab es diese Nachricht: Die Kinder eines jüdischen Waisenhauses sind aus der Ukraine nach Berlin in Sicherheit gebracht worden. Wir erinnern uns an das unglaublich Böse: Den Millionenfachen Mord des nationalsozialistischen Deutschland an den Juden Europas, an die Massenvernichtung in den Vernichtungslagern, an die Massenerschießungen von Juden, gerade auch in der heutigen Ukraine. Das Böse schien für immer gesiegt zu haben, ein Miteinander von Deutschen und Menschen jüdischen Glaubens schien undenkbar. Und plötzlich suchen jüdische Kinder Zuflucht, ausgerechnet in Deutschland. „Tod, wo ist dein Stachel?“ Selbst millionenfacher Mord triumphiert letztendlich nicht über die Menschlichkeit, kann nicht verhindern, dass der Mensch dem Menschen mitmenschlich wird!
Millionen Menschen aus der Ukraine, Frauen und Kinder meist, sind derzeit auf der Flucht vor Krieg und Gewalt. Eine unermessliche Tragödie. Aber überall in Europa, ja in der ganzen Welt, sind Menschen bereit zu helfen, bieten Geld, spenden Kleidung, geben Obdach. Auch nach Deutschland sind viele geflohen. In das Land, dass das ihre im 2. Weltkrieg zum blutigen Schlachtfeld machte. Sie finden Hilfe und Freundschaft erleben Hoffnung – sie leben Ostern.
Damit wir die Provokation des Osterfestes aufrechterhalten, sollten wir also davon erzählen:
Davon, dass Versöhnung möglich ist. Zwischen Juden und Deutschen, zwischen Ukrainern und Deutschen und eines Tages auch zwischen Ukrainern und Russen.
Davon, dass wir den Tod nicht fürchten, sondern wir uns eines Tages in Gottes Hand fallen lassen wollen.
Davon, dass wir nicht im geringsten gedenken zu resignieren im Angesicht von Unrecht und Lüge, sondern den Mund aufmachen und Unrecht, Unrecht nennen und Lüge, Lüge.
Davon, dass wir auf die Macht der Liebe vertrauen und nicht an die Kraft des Bösen und sei es im Sinne dieses Zitates, das mehreren Dichtern zugeschrieben wird:
„Liebe Deine Feinde – nichts ärgert sie mehr!“
Frohe Ostern
Volker Lemke


