Andacht zum Osterfest – Ostersonntag 2021
Psalm 118
1Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
14Der Herr ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
17Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des Herrn Werke verkündigen.
18Der Herr züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
19Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem Herrn danke.
24Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
25O Herr, hilf!
O Herr, lass wohlgelingen!
29Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Psalm 118, der Wochenpsalm, begleitet diese Ostertage. Es lohnt, ihn sich ruhig ein paar Mal durchzulesen, um die eigentümliche Kraft zu spüren, die den Psalmen inne wohnt; sei es, dass sie klagen, bitten, flehen oder wie Psalm 118 danken.
Die Psalmen sind nicht nur Ausdruck der persönlichen Beziehung eines unbekannten Beters zu seinem Gott, sondern die geronnene Erfahrung des Volkes Israel eben mit diesem Gott. Einer Erfahrung, die in der Geschichte des Volkes Israel wurzelt.
Die Geschichte des kleinen Volkes ist eine Geschichte der Bedrohtheit: Der Sklaverei in Ägyptenland, des Exils in Babylon, der Verstreuung in alle Welt, der Judenpogrome des Mittealters und nicht zuletzt des Holocaust.
Trotz all dessen nicht untergegangen zu sein, in den Wirren der Geschichte nicht verloren gegangen zu sein, scheint wie ein Wunder und erklärt sich dem Beter des Psalms doch nur durch den tiefen Glauben an Gottes Treue:
„Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen. Der Herr züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tode nicht preis.“
In diesem Glauben an Gottes Treue und dem unbedingten Willen, Gott die Treue zu halten, ist die Kraftquelle zu finden, die das Volk Israel durch seine vieltausendjährige Geschichte führte und es doch nie untergehen ließ.
Wenn wir Christen in diesem Jahr Ostern feiern, stellt sich auch uns genau diese Frage: Wo ist unsere Kraftquelle, die uns durch die Unsicherheit dieser Tage führt, die uns hilft, uns nicht zu verlieren in der Angst vor der Pandemie, die uns Bestehen lässt, im Angesicht der Herausforderungen der gegenwärtigen Krise? Wurzelt unser christlicher Glaube so tief wie der Psalm und trägt ebenso sicher durch die Zeiten wie dieser?
„Der Herr züchtigt mich schwer…“
Dem Osterfest ging die siebenwöchige Passionszeit voran. Eine kirchliche Fastenzeit. Eine Zeit in der das einstige Leiden und Sterben Jesu in den Blick genommen wird, um das heutige Leiden und Sterben von Menschen zu bedenken. Fasten bedeutet, sich Entbehrungen zuzumuten, um Erkenntnis zu gewinnen. Wie schwer uns das in unserem satten, zufriedenen Wohlstandsleben fiel, merkte man an den jeweiligen Fastenaktionen der Kirchen und deren Mottos: „Sieben Wochen ohne Medien“, „Sieben Wochen ohne Alkohol“, „Sieben Wochen ohne Fleisch“, hießen sie beispielsweise.
Dann kam Corona! Und plötzlich wurde aus der selbstkonstruierten Fastenzeit eine echte, vom Virus erzwungene: Keine Besuche, keine Einkäufe, keinen Kaffee im Café, keine Reisen. Nicht nur sieben Wochen lang, sondern inzwischen schon über ein Jahr.
Schwer zu ertragen? Sicherlich! Aber unerträglich? Manche Menschen fanden es unerträglich. Sie fanden schon die Tatsache, dass eine Pandemie ihre geordnete Welt durcheinander brachte so unerträglich, dass sie die Pandemie einfach leugneten: Corona-Leugner. Manchen sahen sich schon mit einfachsten Rücksichtnahmen auf ihre Mitmenschen, wie Maske tragen, überfordert und ignorierten Regeln: Corona-Egoisten.
Bemerkenswert finde ich aber vor allem vieles andere: Die Bereitschaft gerade junger Menschen, die von der Pandemie viel weniger bedroht sind, sich an Regeln zu halten, um die bedrohteren kranken und alten Menschen zu schützen. Bemerkenswert finde ich den Ideenreichtum unbekannter Menschen, die sich aufmachten anderen eine Freude zu machen, mit gebastelten Engeln für Altenheime beispielsweise. Bemerkenswert finde ich den Erkenntnisgewinn so vieler Menschen, die benennen können, was ihnen wirklich wichtig wurde in diesem Corona-Fasten: Die vielen kleinen Selbstverständlichkeiten früherer Tage, die nun als so kostbar erkannt wurden, wie sie es immer waren; die Begegnungen mit lieben Menschen, der Genuss im Garten, auf dem Balkon oder der Terrasse zu sitzen, wenn man schon nicht ins Café gehen kann. Auch die Erfahrung, wie schön doch die unbekannte nähere Umgebung sein kann und es eben in diesen Tagen nicht Mallorca sein muss, zählt dazu.
Natürlich hätten wir alle gerne auf diese Erfahrungen der Corona-Fastenzeit verzichtet, aber da wir sie nun mal machen mussten, sollten wir die Früchte der Erkenntnis ernten: Was ist wirklich wichtig und wertzuschätzen und welche Gewohnheit der Vergangenheit werden wir auch in Zukunft gar nicht mehr vermissen.
Zur Passionszeit gehört aber ebenso ihr Endpunkt: Der Karfreitag. Der Karfreitag ist schonungslos ehrlich. An Tod und Leid gibt es nichts schön zureden. Über 75000 Menschen hat diese Pandemie alleine in Deutschland das Leben gekostet. Da gibt es nichts zu danken, sondern nur zu klagen. Und es gilt sich abzugrenzen von denen, die zynisch die Opfer in Kauf zu nehmen bereit waren: Den Donald Trumps, die das Maskentragen verächtlich machten, den populistischen Autokraten, die das Coronavirus als kleine Grippe verniedlichten, den Pseudoexperten in den Medien, die propagierten, man müsse nur die besonders gefährdeten Alten und Kranken wegsperren, dann könne die Gesellschaft schon mit dem Virus leben lernen.
Diese Gesellschaft hat 2021 wirklich ihren Karfreitag erlebt. Aber nach Karfreitag kommt Ostern.
„Der Herr züchtigt mich schwer; aber er gibt mich dem Tode nicht preis.“
Der christliche Glaube negiert den Tod nicht aber er überlässt ihm nicht das letzte Wort. Die Jünger sind nach Jesu Kreuzigung auseinandergelaufen. In alle Winde verstreut, ohne Hoffnung, resigniert, voller Angst. „Wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen,“ hatte Jesus ihnen zugesagt. Aber auch zu Ostern ging ihr Glaube diesen Satz noch nicht mit. Fünfzig Tage noch, bis Pfingsten, sollte Angst sie regieren.
Angst ist etwas anderes als Furcht. Furcht schätzt die Gefahr rational ein und geht angemessen mit ihr um. Furcht weiß um den Tod und die Bedrohtheit der menschlichen Existenz und versucht im Angesicht dieser Bedrohung zu leben. Angst jedoch erdrosselt das Leben selber aus Angst vor dem Tod.
In dieser Pandemie haben wir immer wieder erleben können, wie zwischen rational begründeter Furcht und undurchdachter Angst geschwankt wurde. Im Nachhinein wissen wir, dass manche Maßnahmen gegen die Pandemie von Angst gesteuert wurden und von Gerichten korrigiert werden mussten. Und derzeit erleben wir womöglich gerade, dass manche die angemessene Furcht vor dem Virus zu Gunsten einer gefährlichen Ungeduld aufzugeben bereit sind. Christliches Gottvertrauen könnte in diesen Tagen auch bedeuten: Warten zu können, also zu wissen, dass nach Karfreitag Ostern folgt.
Ostern 2021 heißt vor allem, darauf zu vertrauen, dass der Tod seinen Stachel und das Virus seine Macht verlieren wird und schon jetzt alle Angst abzulegen und sich lediglich noch mit ein wenig Geduld zu wappnen.
Gerade in der Deinerlinde dürfen wir folgenden Gedanken schon jetzt genießen: Bis November lebten wir an einem der gefährlichsten Orte des Landes: In einem Altenheim. Dann kamen die täglichen Testungen, die 99 von 100 Infizierten aufspüren können. Dann kamen die Impfungen, die 99 von 100 schweren Verläufen verhindern und nun leben und arbeiten wir an einem der sichersten Orte des Landes: in einem Altenheim.
„Ich werde nicht sterben, sondern leben und des Herrn Werke verkündigen. „
Es hat gedauert, bis die Jünger begriffen, dass man auch im Tode nur in Gottes Hand fällt und dass, wenn uns Gott die Angst vor dem Tod nimmt, wir frei werden zum Leben.
Ostern 2021: Wir nehmen uns die Freiheit, ohne Angst zu leben! Um es mit dem Beter des Psalms zu sagen:
„Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und ist mein Heil. Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“
Frohe Ostern!
Volker Lemke


