Ein Gedicht von Adelbert von Chamisso
im Angesicht der Tragödie von Mariupol
und so vielen anderen Städten,
die in der Ukraine unter dem furchtbaren Angriffskrieg,
den Wladimir Putin befahl,
unsäglich leiden.
Die Weiber von Winsperg.
Der erste Hohenstaufen, der König Konrad, lag
mit Heeresmacht vor Winsperg seit manchem langen Tag;
der Welfe war geschlagen, noch wehrte sich das Nest,
die unverzagten Städter, die hielten es noch fest.
Der Hunger kam, der Hunger! das ist ein scharfer Dorn;
nun suchten sie die Gnade, nun fanden sie den Zorn.
„Ihr habt mir hier erschlagen gar manchen Degen wert,
und öffnet ihr die Tore, so trifft euch doch das Schwert.“
Da sind die Weiber kommen: „Und muß es also sein,
gewährt uns freien Abzug, wir sind vom Blute rein.“
Da hat sich vor den Armen des Helden Zorn gekühlt,
da hat ein sanft Erbarmen im Herzen er gefühlt.
„Die Weiber mögen abziehn, und jede habe frei,
was sie vermag zu tragen und ihr das Liebste sei!
Laßt zieh’n mit ihrer Bürde sie ungehindert fort!“
Das ist des Königs Meinung, das ist des Königs Wort.
Und als der frühe Morgen im Osten kaum gegraut,
da hat ein selt’nes Schauspiel vom Lager man geschaut:
Es öffnet leise, leise sich das bedrängte Tor,
es schwankt ein Zug von Weibern mit schwerem Schritt hervor.
Tief beugt die Last sie nieder, die auf dem Nacken ruht,
sie tragen ihre Eh’herrn, das ist ihr liebstes Gut.
„Halt an die argen Weiber!“ ruft drohend mancher Wicht;
Der Kanzler spricht bedeutsam: „Das war die Meinung nicht.“
Da hat, wie er’s vernommen, der fromme Herr gelacht:
„Und war es nicht die Meinung, sie haben’s gut gemacht;
gesprochen ist gesprochen, das Königswort besteht,
und zwar von keinem Kanzler zerdeutelt und zerdreht.“
So war das Gold der Krone wohl rein und unentweiht.
Die Sage schallt herüber aus halbvergess’ner Zeit.
Im Jahr elfhundertvierzig, wie ich’s verzeichnet fand,
galt Königswort noch heilig im deutschen Vaterland.
Adelbert von Chamisso
In Mariupol immer noch eingeschlossen, Menschen, denen so oft Fluchtkorridore versprochen wurden, die es dann doch nicht gab, oder die, obwohl versprochen, beschossen wurden.
In Mariupol sind immer noch eingeschlossen, ohne Nahrung, medizinische Versorgung ohne jeden Trost und ohne Hoffnung, Kinder und Alte, Frauen und Männer, Verletzte und unbestattete Tote.
In Mariupol eingeschlossen Menschen. Wladimir Putin äußerte am 20.4. im russischen Fernsehen: „Er befehle, dass keine Fliege aus dem belagerten Terrain herauskommen dürfe.“
Keine Fliege.
Er meinte Menschen.
Volker Lemke


