Der Deinerlinde Wochenbericht vom 30.3.2022
Alle von woanders
Groß geworden bin ich in einer Stadt in der vielleicht 15 % meiner Mitmenschen, so wie ich, auch in dieser Stadt geboren worden sind. Etwa 85% der Einwohner waren Geflüchtete, Vertriebene, Zugezogene. Hatten wir „Eingeborenen“ Probleme mit denen, die „von woanders“ kamen. Nur die üblichen. Schließlich waren diese 85 % Geflüchteten, Vertriebenen, Zugezogenen ja unsere Eltern.
Denn groß geworden bin ich in Wolfsburg. Da wo einst nur wenige hundert Menschen in ein paar kleinen Dörfern siedelten, entstand nach dem Krieg eine Großstadt und das VW-Werk bot Arbeit. Menschen aus allen Teilen des ehemaligen Deutschen Reiches zogen dorthin. So auch mein Vater aus Pommern stammend, so auch meine Mutter aus der Heide.
In meiner Kindheit erinnere ich mich nicht im geringsten an Vorbehalte der Einen gegen die Anderen, etwa der Ostpreußen gegen die Schlesier. Auch als in meiner Kindheit die „Gastarbeiter“ kamen, aus Italien zunächst, weiß ich von keinen gelebten Vorurteilen. Die italienischen Arbeiter, die VW angeworben hatte, lebten anfangs in Baracken nahe dem Werkstor. Italienerdorf wurde diese Siedlung genannt. Man dachte diese Menschen kommen für eine Zeit zum arbeiten und gehen dann wieder zurück in ihre Heimat. Aber sie blieben, so wie auch die Griechen und Tunesier die ihnen folgten, die heirateten, Kinder bekamen, heimisch und Mitbürger wurden.
Warum das Zusammenleben, meiner Erinnerung nach, doch recht problemlos gelang? Weil es für Menschen unterschiedlicher Herkunft am Fließband eben keinen Unterschied macht, wo man geboren ist, sondern es für alle gilt, gute Arbeit zu machen und zusammenzuarbeiten, damit nachher ein „VW-Käfer“ daraus wird.
„Heute geh ich wieder gemeinsam mit dem kleinen Türken“, so beschrieb mein Vater den morgendlichen Arbeitsweg und meinte das nicht despektierlich. Er hatte wohl nur Probleme mit der Aussprache türkischer Namen. Und auf dem Weg zur Arbeit hatten sie die gleichen Themen fürs Gespräch: Bundesliga, Autos, ihre Kinder.
Menschen, die Asyl in Deutschland suchten, bot man damals diese entscheidenden Möglichkeiten nicht: Begegnung und Arbeit und damit auch nicht die Möglichkeit Sprache zu lernen. Die Folgen solcher Verweigerung von Integrationsmöglichkeiten zeigen sich bis heute auch in Formen von Clan-Kriminalität in manchen Großstädten.
Als in den 90er-Jahren deutschstämmige Menschen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Deutschland kamen, wiederholte man zumindest den Fehler mit der Sprache nicht. Es gab Deutschkurse für die Neuankömmlinge. Die gab es auch im Rahmen der Fluchtbewegung 2015 für die Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Was es für sie aber nicht gab, war eine sichere Perspektive. Noch im letzten Jahr gab es Berichte von Handwerksmeistern, die einen geschätzten und dringend benötigten afghanisch-stämmigen Auszubildenden von Abschiebung bedroht sahen.
Nun fliehen erneut Menschen nach Deutschland und ganz Europa. Sie flüchten vor dem Krieg in der Ukraine. Frauen und Kinder meist. Die Männer müssen zum Kämpfen zurückbleiben und die, die zu uns flohen, bangen nun um Gesundheit und Leben von Bruder, Vater, Ehemann und Großvater in der Ukraine.
Auf ihrer Flucht hinderten sie keine unüberwindlichen Formalitäten an den Grenzen, die Bahn transportierte sie unentgeltlich, Unterkünfte werden vorbereitet, ihr Aufenthalt ist auf Jahre garantiert, sie dürfen unmittelbar Arbeit annehmen, die Kinder werden zur Schule gehen können, Sprachkurse sind in Vorbereitung. Das alles ist richtig und wichtig, vor allem ist es menschlich und zudem: Klug! Denn auch wenn viele von ihnen derzeit wohl auf ein baldiges Ende des Krieges hoffen und darauf, in ihre Heimat zurückkehren zu können, nicht alle werden es tun können oder noch wollen. Viele der zerbombten Städte werden noch für lang unbewohnbar bleiben und auf manche Ehefrau, so bitter es ist, wird nicht mehr der Ehemann warten, sondern nur noch sein Grab.
Was die Zukunft bringt, wissen wir nicht, was jetzt zu tun ist schon: Menschen, die in ihrer existentiellen Not zu uns kommen, von woher auch immer, zu zeigen, dass sie uns Bruder und Schwester sind, sei es, dass sie bleiben oder wieder gehen wollen, so es irgendwann möglich ist.
Aus den Erfahrungen, die wir seit der Gründung unseres Landes machten, können wir lernen, was es braucht, damit Zusammenleben zwischen denen die schon da waren und denen die neu kommen, gelingt: Zusammen arbeiten die Erwachsenen in den Betrieben, zusammen lernen die Kinder in den Schulen, zusammen leben wir alle in den Vereinen und Kirchen, bei Stadtfesten und Dorf-Kirmis. Was es heute braucht, ist Hilfsbereitschaft, was es morgen braucht, ist Normalität ohne Enddatum bei einem Zusammenleben, das nicht danach fragt, woher jemand kommt.
Volker Lemke
Matthäus 25, 34 – 40
„Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben.
Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben.
Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.
Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet.
Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht.
Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.
Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?
Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“
Hört das denn nie auf?
Schon wieder eine leere Informationswand. Alle Veranstaltungen müssen ausfallen. Corona grassiert im Haus. Hört das denn nie auf? Wie man’s nimmt. Die Virologen sagen, Corona wird von nun an zu unserem Alltag gehören. Über kurz oder lang werden sich alle damit anstecken und erst in den kommenden Jahren wird sich langsam eine Immunität dahingehend in der Bevölkerung aufbauen, dass diese auch zunehmend verhindert, dass Infektionen weitergegeben werden.
Der Weg dorthin ist noch lang. Alles was wir derzeit haben, ist ein Schutz vor schwerer Erkrankung dank der Impfungen. Damit aber nicht alle zugleich erkranken und damit das Gesundheitssystem überfordern, sind Schutzmaßnahmen weiterhin notwendig und deshalb unterbleiben derzeit auch die gemeinsamen Veranstaltungen bis das Infektionsgeschehen in der Deinerlinde soweit abgeklungen ist, das sie wieder verantwortbar scheinen. Anders als erhofft werden wir deshalb auch an diesem Ostern keinen gemeinsamen Ostergottesdienst feiern können.
Hört es also nie auf? Nein! Aber es wird immer weniger schlimm und irgendwann auch normal.



